Autorin: Nele Matz-Lück
Von guter und schlechter Wissenschaft
Wissenschaft ist nicht immer gute Wissenschaft. Das weiß jede*r, die oder der in der Wissenschaft tätig ist. Wobei die Bezeichnung als „nicht gut“ eine große Bandbreite hat. Da gibt es in den Geisteswissenschaften Schlussfolgerungen und Bewertungen, die einem nicht plausibel erscheinen mögen. Aussagen in einem wissenschaftlichen Kontext, denen man nicht zustimmt. Theorien und ggf. Ideologien, die man für verfehlt hält. Auch trifft es zu, dass nicht alle, die am wissenschaftlichen Diskurs beteiligt sind, immer in allen schriftlichen oder mündlichen Beiträgen den gleichen hohen Standard bieten. Niemand performt immer bestmöglich. Generell gilt in allen Berufen, dass nicht alle Beschäftigten gleich „gut“ sind. Womöglich ist Einiges, was in diesem Kontext der Auseinandersetzung „nicht gut“ erscheint, aber schlicht Ansichtssache oder zumindest nicht schädlich für die Wissenschaft insgesamt.
Einladung zum Missbrauch?
Daneben gibt es aber Forschung, die handwerklich schlampig ist. Die nicht alle notwendigen Daten korrekt erhebt, ungeeignete Methoden verwendet, die auf fehlerhaften Versuchen oder unvollständigen Grundlagen beruht oder Fakten missachtet und deshalb zu messbar falschen Ergebnissen kommt. Warum das im konkreten Einzelfall so ist? Von Unvermögen, Nachlässigkeit bis hin zu bewusstem wissenschaftlichen Fehlverhalten sind der Fantasie hier kaum Grenzen gesetzt. Teilweise wird auch die Wissenschaftskultur samt ihrer Fachzeitschriften und der Druck, den diese auf Forscher*innen ausübt, immer mehr und schnell möglichst sensationelle Ergebnisse zu publizieren, verantwortlich gemacht. Nobelpreisträger Randy Schekman kritisiert „Science“ und „Nature“ – DER SPIEGEL
Wissenschaftler*innen sind nicht frei von Fehleinschätzung, Irrtum, Überschätzung und insgesamt keine besseren Menschen als der Rest der Welt. Die Konzentration von Macht, wenn Wissenschaftler*innen es zur Professur oder in andere Leitungspositionen in der Forschung gebracht haben, lädt zudem nicht nur zur Überzeugung von der eigenen Großartigkeit ein, sondern schafft in besonderem Maße Möglichkeiten zum Missbrauch. Dazu kommt der schon benannte hohe Leistungsdruck, möglichst bahnbrechende Erkenntnisse zu liefern und sich als Expert*in weiter zu beweisen, um Mittel einzuwerben und die eigene Reputation zu sichern. Vielfach geht es an Universitäten im täglichen Wettbewerb um Gelder, Stellen und so profane Dinge wie Räume. In dieser Gemengelage scheinen nicht wenige Forscher*innen der Versuchung zu erliegen, zu täuschen, zu manipulieren oder weisungsabhängige Personen zum Fehlverhalten anzustiften und damit der Wissenschaft insgesamt Schaden zuzufügen. Die aberkannten Doktortitel für Plagiate in Dissertationen und Skandale um gefälschte Daten und zurückgezogene Veröffentlichungen in Fachzeitschriften sind Beispiele dafür. Längst ist von einer Vertrauenskrise der Wissenschaft im Ansehen der Öffentlichkeit die Rede.
Die Rolle von Peer Reviews
Bemerkenswert erscheint, dass ein Peer Review von Veröffentlichungen, also die Überprüfung von Forschungsergebnissen vor der Publikation durch andere Wissenschaftler*innen desselben Fachs, die Täuschungen oder unplausible Ergebnisse nicht immer erkennen. Nicht einmal dann, wenn der Eingangssatz einer Publikation ganz offenkundig von einen KI-Tool erstellt wurde, das den Text offenbar auf verfasst hat (So eins der genannten Beispiele in diesem Artikel der NZZ: Falsche Ratten und Floskeln: Wie Forscher KI nutzen, um Studien zu fälschen (nzz.ch)). Die Anzahl von Publikationen, die in den vergangenen Jahren von namhaften Fachzeitschriften nachträglich zurückgerufen werden mussten, weil sich herausgestellt hatte, dass Ergebnisse manipuliert waren, ist beträchtlich. Trotz Peer Review: Top science publisher withdraws flawed climate study (phys.org) Dennoch bietet nur die Überprüfung durch Fachleuten überhaupt eine gewisse Gewähr der Qualität und des Ausfilterns von wissenschaftlich nicht erklärbaren und nicht haltbaren Forschungsergebnissen.
So gilt das Peer Review vielen als der Gold Standard für gute Wissenschaft. Regelmäßig – auch in den Fächern, in denen das, wie in den Rechtswissenschaften lange Zeit nicht allgemein üblich war – wird die Veröffentlichung von Artikeln mit Peer Review ausdrücklich gefordert, um Zielvereinbarungen zu erreichen. Zeitschriften, die die Annahme von Beiträgen zur Veröffentlichung nicht von einem „doppelt blinden“ Peer Review abhängig machen, sind für Autor*innen dann nicht mehr attraktiv. Ohne dem Wert einer solchen Begutachtung grundsätzlich entgegenzutreten wollen, gibt es aber auch Anlass für Kritik an einem solchen System. Teilweise fächerspezifisch, teilweise allgemeingültig.
Peer Review als Belastung
Je stärker sich der Ruf als Expert*in eines bestimmten Fachs oder einer bestimmten Thematik herausgestellt hat, desto häufiger sind die Anfragen für Peer Reviews für Fachzeitschriften. Das System wird im wesentlichen davon getragen, dass Expert*innen ihre Fachkenntnisse und Arbeitszeit für eine Begutachtung zur Verfügung stellen, um „das System“ am Laufen zu halten und hohe Standards zu gewährleisten. Ein altruistisches Interesse an „guter Wissenschaft“ ist ein Motiv und das Bewusstsein, dass das zu einer Position in der Wissenschaft „eben dazugehört“. Natürlich kann jede*r Einzelne zu Anfragen „nein“ sagen, aber das Bewusstsein, dass diese Form der Qualitätssicherung nicht mehr funktioniert, wenn alle ablehnen, übt gewissen Druck aus. Vergütet wird die Tätigkeit nicht – wie so vieles andere in der Wissenschaft auch nicht. Das ist abgegolten durch eine Bezahlung, die nicht nur von Bundesland zu Bundesland abweicht, sondern höchst individuell und intransparent von Verhandlungssituationen an Universitäten abhängt.
Ob alle Reviews mit gleicher Gründlichkeit erfolgen, sei dahingestellt. Zwar kommen durch neue Paper, die zu begutachten sind, auch neue Impulse für die eigene Wissenschaft. Oft genug sind andere Aufgabe am Ende des Tages doch wichtiger.
Möglicher Bias im Review-Verfahren
Am Beispiel der Völkerrechtswissenschaft ist auf eine weitere Problematik hinzuweisen. Diese ist sicher nicht auf alle, aber vielleicht auf einige weitere Bereiche übertragbar: Bias. Voreingenommenheit trotz vermeintlicher Neutralität. Das Völkerrecht ist seit seinem Entstehen eurozentristisch. Es fördert einen Blick und eine Fachkultur, die westlich geprägt ist. Dabei kommt es nicht so sehr auf die Herkunft einzelner Personen an, sondern auf die Sozialisation und Ausbildung in einem westlichen Bildungssystem, das ein gleichsam klassisches Völkerrechtsverständnis lehrt. Blickt man auf die Lebensläufe gegenwärtiger einflussreicher Völkerrechtler*innen aus Asien oder Afrika, ist die Ausbildung an Universitäten in den USA, Frankreich oder Großbritannien augenfällig. Third World Approaches to International Law (TWAIL) und weitere kritische Zugänge – z.B. feministisches Völkerrecht – werden zwar zunehmend diskutiert, sind aber noch entfernt vom Mainstream. Durch die Auswahl von Reviewer*innen können es Fachzeitschriften beeinflussen, in welchem Maße sich andere und kritische Sichtweisen auf das Völkerrecht durchsetzen. Dabei haben es jüngere Stimmen, die nicht auf eine Ausbildung in den USA oder Europa zurückblicken, schwer, überhaupt gehört zu werden, weil die Standards und die Perspektive, die Reviewer*innen erwarten, von ihnen nicht erreicht werden (können). Sind es also alles schlechte Wissenschaftler*innen oder erheben wir einen Standard zur Norm, der eine westliche Ausbildung zum allgemeinen Maßstab erhebt und damit exkludierend wirkt?
Wie schwer muss es außerdem sein, wirklich innovative Forschung und ihre Ergebnisse anhand des gegenwärtigen Standards und der eigenen Kenntnisse zu bewerten? Führt das dazu, dass gefälschte Daten ihren Weg in Fachzeitschriften finden? Oder – andersherum – dazu, dass innovative Ideen nicht veröffentlicht werden? Oder sowohl das eine, als auch das andere?
Ferner gibt es Reviewer*innen, die außer ihrer eigenen Wissenschaft nicht viel gelten lassen. Kritik ist leichter als Zustimmung und lässt sich an jeder Veröffentlichung üben. Dahingegen sind die Hervorhebung der positiven Aspekte einer Veröffentlichung und konstruktive Hinweise für eine Verbesserung schwieriger und womöglich auch zeitaufwändiger. Vielleicht haben einige Kolleg*innen auch das Gefühl, sich im Review durch besondere Härte beweisen zu müssen.
Was ist zu tun?
Mehr Bewusstsein dafür, dass Peer Review gegenwärtig unverzichtbar sein mag, aber auch seine Defizite hat. Wäre künstliche Intelligenz besser in der Lage, große Datenmengen und Publikationen abzugleichen und die Qualität, ohne den persönlichen Bias einzuschätzen? Auch das ist eine Frage, die sich das Wissenschaftssystem stellen muss. Tools zum Erkennen von Plagiaten und zu thematischen Verknüpfungen mit anderen Publikationen gibt es längst. Wenn allerdings die KI die Artikel selbst schreibt (Falsche Ratten und Floskeln: Wie Forscher KI nutzen, um Studien zu fälschen (nzz.ch)), um sie anschließend auf ihre Qualität zu überprüfen, ist nichts gewonnen, für die Glaubwürdigkeit der Wissenschaft aber viel verloren.
Als Reviewer*in gehört dazu sicher die ehrliche Frage, ob in der Planung der eigenen Aufgaben genug Raum für eine gründliche Durchsicht gegeben ist. Auch die Hinterfragung der eigenen Voreingenommenheit bezüglich des Stils und der Argumentationsmuster ist ein Anliegen, dem sich Reviewer*innen stellen sollten.
Als Fachzeitschrift müsste die Aufmerksamkeit zunächst einmal der gut überlegten Auswahl der Reviewer*innen gelten. Aufklärung über „unconscious bias“, wie es in Auswahlverfahren an einigen Universitäten inzwischen üblicher wird, ist auch hier hilfreich.
In einem zweiten Beitrag zum Peer Review wird es um die Begutachtung von Drittmittelanträgen gehen und die Kräfte, die das gegenwärtige System in Deutschland bindet, die im Ergebnis aber nicht der Forschung zu Gute kommen.






Hinterlasse einen Kommentar