Meine Erkenntnisse aus sieben Monaten erzwungener Distanz zum Wissenschaftssystem
Autorin: Juliane Bienert
„Wir haben 14 neue Stellenempfehlungen für Sie!“ Mit dieser freudigen Nachricht begrüßt mich das Portal der Bundesagentur für Arbeit, als ich mich heute, am 20. Mai 2024, fast einen Monat nach Auslaufen des Arbeitslosengeldes, aus reiner Neugier erneut anmelde. Aus Erfahrung weiß ich, dass diese Stellenempfehlungen zum großen Teil sehr fernab von meinem eigentlichen Kompetenzbereich liegen. So wird mir beispielsweise vorgeschlagen, ich könne doch Tierschutzbeauftragte werden. Oder Ingenieurin, im Bereich Gebäudeschadstoffe. Ich bezweifle, dass ich als ausgebildete Literaturwissenschaftlerin mit zwei Jahren Berufstätigkeit in Forschung und Lehre in diesen Feldern nützlich wäre. Die Stellenempfehlungen der Arbeitsagentur reichten in den zurückliegenden sieben Monaten von Finanzcoach über Quantenmechanikerin bis hin zu Informatikerin und waren für mich eher Grund zum Lachen als zur ernsthaften Auseinandersetzung mit meinen beruflichen Perspektiven. Als Geisteswissenschaftlerin bin ich es gewohnt, kein eindeutiges Karriereziel vor Augen zu haben, doch Berufe, für die ich einen Abschluss in Physik brauche, verlangen dann doch etwas zu viel Flexibilität.
Mit Eintritt in die Arbeitslosigkeit Anfang Oktober 2023 habe ich jedoch nicht nur die amüsanten Seiten der Arbeitsvermittlung kennenlernen dürfen. Sieben Monate ohne versicherungspflichtige Tätigkeit haben für mich vor allem bedeutet, mich mit mir selbst, meinen Prinzipien, Werten und Grenzen auseinanderzusetzen und das System Wissenschaft Stück für Stück aus einer neuen Perspektive (der Perspektive einer arbeitslosen, aber weiterhin promovierenden Wissenschaftlerin) zu betrachten. Ich habe einiges an Frust, Wut und vor allem Erschöpfung durchlebt und obgleich mich diese Zeit mental herausgefordert hat, kann ich rückblickend positive Erkenntnisse daraus ziehen, die mir selbst (und hoffentlich auch anderen) Mut machen. Insbesondere über die Erschöpfung möchte ich heute, im Hinblick auf das Thema dieses Blogs, schreiben.
Zu Beginn der Arbeitslosigkeit bin ich davon ausgegangen, dass diese von kurzer Dauer sein wird. Ich habe mich natürlich darauf eingestellt, Bewerbungen zu schreiben, wollte meinen Fokus jedoch auf meine Promotion legen. „Endlich habe ich mal richtig Zeit dafür!“ Schnell habe ich gemerkt, dass ich meine eigenen Erwartungen diesbezüglich nicht erfüllen kann und mir daraufhin Druck gemacht. Auf meine zahlreichen Bewerbungen kamen ebenso zahlreiche Absagen (oder auch gar keine Rückmeldungen), was meine Geduld auf eine harte Probe gestellt hat. Obgleich ich mich auch außerakademisch beworben habe, lag mein Fokus weiterhin auf Stellen an Hochschulen und Forschungseinrichtungen. Wenn Wissenschaftler*innen darüber sprechen, dass das System, in dem sie tätig sind, ein hohes Identifikationspotenzial hat, dann klingt das für Außenstehende vielleicht abstrakt. Daher möchte ich es anhand meiner persönlichen Empfindung fassbarer machen: die Entscheidung für die Promotion (und damit für eine akademische Laufbahn) war für mich eine große Bestätigung. Sehr lange – bis in den Master hinein – habe ich nicht gewusst, was ich beruflich machen möchte. Schon die Arbeit als Wissenschaftliche Hilfskraft hat mir viel Freude bereitet und das Feedback der Menschen um mich herum (meiner Kolleg*innen sowie der Studierenden) hat mich darin bestärkt, dass ich die Kompetenzen mitbringe, die es für diesen Weg braucht. Meine größte Sorge war immer, nicht genug Wissen zu besitzen für einen bestimmten Beruf oder einen Job ausüben zu müssen, der mir keinen Spaß macht. Wissenschaft war (und ist) für mich eine Tätigkeit, die mir erlaubt (hat), kontinuierlich Lernende sein zu dürfen. Dass das auch Schattenseiten mit sich bringt (Stichwort Qualifikation), wusste ich zu dem Zeitpunkt noch nicht. Mit Eintritt in die Promotion und damit auch die Lehre hatte ich das Gefühl, nun endlich den Job gefunden zu haben, den ich für den Rest meines Arbeitslebens ausüben möchte. Umso größer die Enttäuschung, als ich feststellen musste, dass die Arbeitsbedingungen diesen Traum mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht bis zu meinem Renteneintritt ermöglichen werden.
Was bin ich bereit, zu opfern?
Arbeitslos zu sein, war für mich auf dem Papier keine große Sache. Zu dem Zeitpunkt wusste ich schon, dass Phasen der Arbeitslosigkeit im Leben von Wissenschaftler*innen keine Ausnahme darstellen. Für mich schwerer anzunehmen war die reelle Möglichkeit, dass meine akademische Laufbahn ab diesem Punkt (zumindest temporär) vorbei sein könnte. Meine Promotion habe ich mit einem klaren Ziel begonnen und auch wenn ich weiß, dass eine Doktorarbeit auch außerhalb der Wissenschaft durchaus ihren Nutzen haben kann, so wollte ich zunächst nicht wahrhaben, dass ich der Hochschule vielleicht den Rücken kehren muss. Hier kommt die Erschöpfung ins Spiel. Ich hatte das Gefühl, dem System Wissenschaft mit all der Prekarität vollkommen ausgeliefert zu sein. Mit jeder Absage und fortschreitender Zeit hatte ich mehr und mehr den Eindruck, dass die Kontrolle über meine berufliche Zukunft nicht länger bei mir liegt. Bei den wenigen Stellen, die in meinem Fachbereich ausgeschrieben werden, hat das dazu geführt, dass ich den Druck auf mich weiter erhöht und meine Prinzipien stark hinterfragt habe: was bin ich bereit, für diesen Weg zu opfern? Bin ich wirklich engagiert genug?
Ich habe mir stundenlang den Kopf darüber zerbrochen, ob ich die absurde Miete in Unistadt XY nicht vielleicht doch mit dem Gehalt einer halben Stelle bezahlen kann und welche Pendeldauer für mich an einem Tag zu schaffen ist. Ich habe versucht, aus Stellenausschreibungen herauszulesen, wie wahrscheinlich eine Vertragsverlängerung ist und ab welchem Punkt ich anfangen müsste, wieder neu auf Jobsuche zu gehen.
Vor jeder neuen Bewerbung habe ich mir intensive Gedanken gemacht, welche Zugeständnisse ich potenziell machen muss, um den entsprechenden Job zu bekommen und wie mein Leben auf Stelle XY aussehen könnte. Allein dieses Durchdenken hat mich viel Kraft gekostet. In der ersten Zeit meiner Arbeitslosigkeit habe ich teils täglich Bewerbungen geschrieben und durch die fehlende Routine hat das anfangs mehrere Stunden gedauert. Parallel dazu habe ich die Debatte rund um #IchBinHanna auf Social Media weiterverfolgt und mich an Aktionen wie dem Hochschulaktionstag beteiligt, um mich weiter für faire Arbeitsbedingungen und mehr Dauerstellen einzusetzen. Die konstante Auseinandersetzung mit meiner eigenen Situation hat dazu geführt, dass ich die tiefsitzende Erschöpfung erst bemerkt habe, als ich immer öfter in Prokrastination verfallen bin. Neben der Stellensuche und dem Bewerben wollte ich, ganz getreu meiner anfänglichen Erwartungen an mich selbst, meine Promotion vorantreiben. Doch je mehr Zeit ins Land gegangen ist, desto schlechter ist mir das gelungen. Die Konzentration fehlte mir, meine Energiereserven waren ausgeschöpft und ich musste mich immer mehr zwingen, mich mit meiner Forschung zu beschäftigen. Es hat sich angefühlt wie ein innerer Widerstand, den ich so von mir noch nicht kannte. Sowohl zu Schulzeiten und insbesondere im Studium ist mir das Lernen nicht schwergefallen und diese Art von Prokrastination fühlte sich fremd an.
Romantisierung von Mehrarbeit
Nach und nach habe ich verstanden, dass nicht nur die Situation, in der ich mich befinde, belastender für mich ist, als ich gedacht habe, sondern auch, dass ich bereits zu Beginn der Arbeitslosigkeit erschöpfter gewesen bin als ich es eingeschätzt hätte. Ich habe nach meinem Masterabschluss lediglich zwei Jahre im Wissenschaftsbetrieb gearbeitet und doch weiß ich, wie schnell man zum Workaholic werden kann. Das stetige „Höher, schneller, weiter“-Drängen ist auch an mir nicht spurlos vorbeigegangen. Überstunden waren für mich absolut normal, mein Mailpostfach mein ständiger Begleiter und mein Kalender für die nächsten Monate mit Terminen und Deadlines gefüllt. Frisch aus dem Studium, hochmotiviert, habe ich all das romantisiert. Ich wollte mich nützlich machen, für alle da sein (für die Studierenden und meine Kolleg*innen) und habe mein Herzblut in meine Aufgaben gesteckt, weil ich das Gefühl hatte, ich werde gebraucht. Mit plötzlichem Wegfall meines Arbeitsalltags und der immer größer werdenden Distanz zum Wissenschaftssystem ist mir bewusst geworden, welche Denkmuster ich allein über diese kurze Zeit verinnerlicht habe. Mir diese nach und nach einzugestehen, war schmerzhaft, weil die Vorstellung, die ich von meinem Beruf hatte, immer mehr Risse bekommen hat. Auf einmal hat sich das Prokrastinieren angefühlt, als müsste ich – zusätzlich zum Ausgleich der anstrengenden Bewerbungen – die verpasste Freizeit nachholen, die ich mir selbst durch meine (in der Regel) 6-Tage-Arbeitswoche nicht zugestanden habe. Abends um acht Uhr noch schnell ein paar Anfragen von Studierenden zu beantworten oder am Wochenende kreative Sitzungen zu gestalten, war für mich lange selbstverständlich. Besonders die unscheinbaren Aufgaben (wie das Beantworten von E-Mails in der Bahn oder schnelles Krisenmanagement zwischen zwei Sitzungen, wenn Kolleg*innen spontan ein Anliegen hatten), habe ich gegenüber mir nahestehenden Personen oft kleingeredet. Wochen nach Auslaufen meines Arbeitsvertrags habe ich verstanden, dass die Arbeit immer größere Teile meines Alltags eingenommen hat und meine Gespräche mit Freund*innen und Familie sich nicht selten um meine Seminarplanung, organisatorische Ungereimtheiten oder Projekte neben der Lehre gedreht haben. Während ich im Studium noch regelmäßig Hobbys nachgegangen bin, habe ich diese während des Masterstudiums aufgegeben und selbst das Lesen abseits von Forschungsliteratur, das mich überhaupt erst zum Studium gebracht hat, kommt bis heute viel zu kurz.
Die Rückkehr des Impostor
Auch meine Rolle als Promovierende habe ich, angestoßen durch zahlreiche Gespräche mit ‚Gleichgesinnten‘, reflektiert. Während des Studiums habe ich meine innere Kritikerin sowie Zweifel an meinen Fähigkeiten, die ich aus der Schule mitgenommen habe, sehr gut im Griff gehabt. Diese Zweifel sind während der Promotionsphase wieder lauter geworden. Im Austausch mit Promovierenden unterschiedlicher Fachbereiche ist mir aufgefallen, dass es vielen von ihnen ähnlich geht. Auch die Situationen, die wir im Rückblick diesbezüglich diskutieren, sind vergleichbar. Für mich eine zentrale Erkenntnis: Promovierende, so auch ich, tendieren häufig dazu, sich kleiner und ihre Fähigkeiten unbedeutender darzustellen als sie sind. Das liegt aus meiner Sicht unter anderem daran, welche Position diese Statusgruppe im System Wissenschaft innehat – abzulesen sind gewisse Konnotationen schon am Begriff „Nachwuchs“, der sich hartnäckig auch in der Debatte über die Arbeitsbedingungen von Wissenschaftler*innen hält. Gerade am Beginn meiner Laufbahn hatte ich das Gefühl, mir Anerkennung erarbeiten zu müssen und beweisen zu müssen, dass ich meinen Platz in Gremium XY oder selbst meinen Platz am Pult des Seminarraums verdient habe. Nein zu sagen zu Mehrarbeit war für mich nur sehr begrenzt eine Option und auch wenn ich dank #IchBinHanna mehr und mehr verstanden habe, welchen Zwängen auch ich unterliege, habe ich einige Monate gebraucht, bis ich gegenüber höheren Statusgruppen gelassener und vor allem selbstbewusster auftreten konnte. Parallel in verschiedenen Situationen kommuniziert zu bekommen, dass Promovierende sich zurückhalten und für jede Form von Teilhabe stets dankbar sein sollen, hat eine Ambivalenz kreiert, die ich nur mit langen Gesprächen mit Kolleg*innen und der Vernetzung innerhalb der wissenschaftlichen Gemeinschaft einordnen konnte.
Selbstbestimmtheit durch Aktivismus
Mit jedem Tag, der seit dem ersten Oktober 2023 vergangen ist, ist meine Distanz zum System Wissenschaft größer geworden. Ich bin weiterhin davon überzeugt, dass ich die Kompetenzen und das Herzblut für eine akademische Tätigkeit mitbringe und mir liegt sehr viel an der Zusammenarbeit mit Studierenden. Doch ich habe auch verstanden, dass das Wissenschaftssystem sehr gut darin ist, den Beschäftigten das Gefühl zu vermitteln, sie könnten nichts anderes und gleichzeitig die innere Kritik kontinuierlich zu steigern. Promovierende sind diesbezüglich eine vulnerable Statusgruppe, weil sie häufig noch nicht viel von den Schattenseiten gesehen haben und nicht einschätzen können, was auf sie zukommt. Bei mir hat das zu einer stark romantisierten Sicht und hohen Erwartungen an mich selbst geführt sowie zu Grenzverschiebungen, die ich in den letzten sieben Monaten korrigieren musste. Durch eigene Projekte, wie beispielsweise meinen Podcast „Sachgrundaktivismus“ habe ich mir Plattformen geschaffen, um mir die Kontrolle über meinen Weg ein Stück weit zurückzuholen. Für mich bedeutet das aktivistische Tun in erster Linie ein Maß an Selbstbestimmung, von der ich lange nicht dachte, dass ich es in der Prekarität finden könnte. Das wiederum gibt mir die nötige Selbstsicherheit, vor allem in Bewerbungsprozessen meine Kompetenzen bewusst hervorheben zu können anstatt sie kleinzureden und meine Position als Promovierende nicht länger gleichzusetzen mit einer möglichst unauffälligen Schülerin, sondern mit einer Wissenschaftlerin, die zwar (noch) keinen Doktortitel hat, aber dennoch ein Recht, sich am wissenschaftlichen Diskurs zu beteiligen und zu lernen.
So erschöpft wie noch Anfang des Jahres bin ich heute nicht mehr. Die Bewerbungsprozesse sind gedanklich in den Hintergrund gerückt und ich habe mir in den letzten Wochen erlaubt, mich auf die Projekte zu konzentrieren, die einfach nur Spaß machen. Niemand kann mir eine Garantie dafür geben, ob, wann oder wie lange ich in Forschung und Lehre zurückkehren werde. Aber wenn ich zurückkomme, dann mit einem kritischeren Blick auf die Strukturen und einem achtsameren Blick auf mich selbst.
Juliane Bienert ist Literaturwissenschaftlerin und promoviert seit November 2021 im Fach Germanistische Mediävistik an der Ruhr-Universität Bochum. Zwei Jahre hat sie als Lehrbeauftragte und Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Fach Germanistik an den Universitäten Bochum und Bonn gearbeitet. Seit Oktober 2023 ist sie arbeitslos und konzentriert sich, neben zahlreichen Bewerbungen, auf die Wissenschaftskommunikation, ihren Podcast „Sachgrundaktivismus“ und darauf, offen über das Thema Arbeitslosigkeit zu sprechen und zu schreiben.






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